Folkloristische Holzschnittkunst aus dem Dorf Sinh in Hue: Ein subtiles Meisterwerk traditioneller Volkskunst

Zentralvietnam

Thua Thien Hue

Sovaba.travel

Aktualisiert: 23/09/2026

1. Das Dorf Sinh: Wiege einer einzigartigen Volkskunst

Das Dorf Sinh, auch bekannt als Dorf Lai An, liegt in der Gemeinde Phu Mau im Bezirk Phu Vang der Provinz Thua Thien Hue, etwa 9 bis 10 Kilometer nordöstlich des Stadtzentrums von Hue. Malerisch am Ufer des Parfüm-Flusses nahe dem Zusammenfluss mit dem Bo-Fluss gelegen, entwickelte sich Sinh bereits ab dem 16. Jahrhundert zu einem geschäftigen Handelszentrum und einem Knotenpunkt einzigartiger kultureller sowie religiöser Werte. Das traditionelle Holzschnitthandwerk entstand hier während der Trinh-Nguyen-Epoche, als Ky Huu Hoa, ein Zuwanderer aus dem Norden, die Technik der Papierbildherstellung mitbrachte, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, und damit das Fundament für diese unverwechselbare Volkskunstrichtung legte.

Die Volksmalerei des Dorfes Sinh blickt auf eine über 400-jährige Geschichte zurück
Foto: Die Volksmalerei des Dorfes Sinh blickt auf eine über 400-jährige Geschichte zurück 

Die Volksbilder des Dorfes Sinh entstanden vor mehr als 450 Jahren und dienten ursprünglich spirituellen Zwecken, insbesondere bei Opferzeremonien, Segensgebeten und Ritualen zur Abwendung von Unheil. Im Gegensatz zu den Dong-Ho- oder Hang-Trong-Bildern, die vorwiegend als Dekoration oder zum Neujahrsfest verwendet werden, tragen die Bilder aus Sinh einen ausgeprägt rituellen Charakter: Sie kamen bei Zeremonien zum Einsatz und wurden anschließend rituell verbrannt, um den Ahnen übergeben zu werden. Trotz vieler historischer Höhen und Tiefen, insbesondere des Niedergangs nach 1945 und eines Verbots in den 1970er-Jahren, wurde das Handwerk dank des unermüdlichen Einsatzes engagierter Kunsthandwerker wiederbelebt – allen voran durch den Meister Ky Huu Phuoc, einen Vertreter der 9. Generation dieses Kunsthandwerks. 

2. Einzigartige Merkmale der Volksbilder aus Sinh

Die Holzschnittbilder aus dem Dorf Sinh lassen sich in drei Hauptkategorien unterteilen, von denen jede eine eigene Bedeutung und rituelle Funktion besitzt:

  • Figurenbilder: Umfassen Darstellungen wie Tuong Ba (die Schutzpatronin auf dem Elefanten, die das Haus bewahrt), Tuong Bep (die Erd- und Herdgottheiten), Ong Dieu, Ong Doc oder Con Anh (Ersatzbildnisse für rituelle Schutz- und Segensgebete für Erwachsene und Kinder). Diese Bilder werden vor allem bei spirituellen Zeremonien eingesetzt.
  • Tierbilder: Zeigen die 12 Tierkreiszeichen, Nutztiere (Wasserbüffel, Pferde, Schweine) oder heilige Tiere (Elefanten, Tiger), um Gesundheit für das Vieh zu erbitten und Gefahren abzuwehren.
  • Gegenstandsbilder: Enthalten Darstellungen von Kleidung, Pfeil und Bogen sowie Haushaltsgegenständen, die traditionell als rituelle Opfergaben oder zur Ausschmückung dienten.

Darüber hinaus hat das Dorf Sinh als Reaktion auf moderne Vorlieben neue Motive für Dekorationszwecke entwickelt, etwa die Bilderserie Bat Am (acht Musikerinnen) oder Szenen des traditionellen Ringerfestes des Dorfes, die bei Reisenden auf große Begeisterung stoßen.

Volksbilder traditioneller Spiele aus dem Dorf Sinh
Foto: Volksbilder traditioneller Spiele aus dem Dorf Sinh 

Die Bilder des Dorfes Sinh werden vollständig von Hand in sieben sorgfältigen Arbeitsschritten gefertigt:

  • Papierzuschnitt: Als Basis dient traditionelles Do-Papier (Maulbeerbaumpapier), das reißfest, zart und saugfähig ist und in passende Formate geschnitten wird.
  • Auftragen der Muschelschicht: Muschelschalen aus der Tam-Giang-Lagune werden zu feinem Pulver zerstoßen, mit Kleister aus Reisbrei vermengt und auf das Do-Papier aufgestrichen. Dieser Schritt verleiht den Bildern ihre typisch raue, schimmernde Oberfläche mit perlmutternem Glanz.
  • Holzschnittdruck: In hölzerne Druckstöcke (meist aus Jackfrucht- oder Ebenholz) geschnitzte Motive werden mit schwarzer Tusche aus Klebreisstrohasche eingestrichen. Das Do-Papier wird aufgelegt und mit einer Luffa-Bürste gleichmäßig angedrückt, um die Konturen zu übertragen.
  • Trocknen: Die gedruckten Rohbilder werden an einem gut belüfteten Ort getrocknet.
  • Farbmischung: Die Farben werden aus rein natürlichen Rohstoffen gewonnen, wie etwa Mandelbaumblättern (Rot), Malabar-Spinatsamen (Violett), Schnurbaumblüten (Gelb) oder Waldpflanzenblättern (Grün). Jede Farbe erfordert fundiertes Wissen und handwerkliches Feingefühl bei der Zubereitung.
  • Kolorieren: Die Kunsthandwerker verwenden Pinsel aus den Wurzeln wilder Ananaspflanzen, um die Motive mit lebendigen, frischen Farbtönen auszumalen.
  • Vollendung der Bildaugen: Bestimmte Motive erhalten als abschließenden Schritt den rituellen Augenpunkt, insbesondere jene Werke, die offiziell registriert werden.

Die Farbwelt der Bilder aus Sinh besticht durch harmonische Naturtöne, die in Verbindung mit klaren Kompositionen und schlichten Linienführungen eine unverwechselbare Anziehungskraft entfalten.

3. Kultureller und spiritueller Wert der Volksbilder aus Sinh

Die Holzschnitte des Dorfes Sinh sind weit mehr als bloße Volkskunst; sie bilden ein spirituelles Band zwischen den Menschen, ihren Vorfahren und den Gottheiten. Jedes Bild, das bei Ritualen wie dem Ahnenkult, Segensgebeten, Sühnezeremonien oder der Gräberpflege eingesetzt wird, trägt eine tiefe Weihe in sich und drückt aufrichtigen Respekt sowie den Wunsch nach einem friedvollen, wohlhabenden Leben aus. Nach Abschluss der Rituale werden die Bilder traditionell verbrannt – als Botschaft an die jenseitige Welt und Ausdruck der Verbundenheit beider Sphären.

Im kulturellen Gefüge der alten Kaiserstadt ist die Volksmalerei aus Sinh zu einem unverzichtbaren Bestandteil geworden. Sie spiegelt das reiche geistige Leben, die tief verwurzelten Glaubensüberzeugungen und die schlichte, aber tiefgründige Schaffenskraft der Bevölkerung von Hue wider. Trotz aller historischen Wandlungen haben diese Bilder ihren unverfälschten Charakter und ihre vitale Ausdruckskraft bewahrt und bereichern das vietnamesische Volkskulturerbe nachhaltig.

Die Bilder sind nicht nur ein Kulturgut, sondern auch eine spirituelle Brücke
Foto: Die Bilder sind nicht nur ein Kulturgut, sondern auch eine spirituelle Brücke

4. Das Dorf Sinh im Kulturtourismus und der Denkmalpflege

Heute hat sich das Dorf Sinh zu einem faszinierenden Ziel für Kulturtourismus in Hue gewandelt. Besucher können hier nicht nur die einzigartigen Bildwerke bewundern, sondern haben auch die Möglichkeit:

  • Den Kunsthandwerkern über die Schulter zu schauen: Erleben Sie alle Phasen der manuellen Bildherstellung aus nächster Nähe, vom Holzschnitt bis zur Kolorierung.
  • Selbst einen Holzschnitt zu drucken: Unter fachkundiger Anleitung der Kunsthandwerker können Sie Ihren eigenen Druck anfertigen und ein ganz persönliches Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen.
  • Das traditionelle Ringerfest des Dorfes Sinh mitzuerleben: Am 6. oder 10. Tag des ersten Mondmonats bietet dieses Fest eine hervorragende Gelegenheit, die ausgelassene Atmosphäre und den Gemeinschaftsgeist der Einheimischen zu spüren.
  • Die Küche von Hue zu genießen: Traditionelle Spezialitäten wie Reis mit Flussmuscheln, gedämpfte Tapiokataschen mit Garnelen und Schweinefleisch oder die berühmte würzige Rindfleischnudelsuppe nach Hue-Art runden Ihre Entdeckungsreise perfekt ab.
Den Kunsthandwerkern bei der Herstellung der Bilder zusehen
Foto: Den Kunsthandwerkern bei der Herstellung der Bilder zusehen 

Die Holzschnittkunst des Dorfes Sinh in Hue ist nicht bloß eine historische Kunstgattung, sondern ein lebendiges Symbol für die Kultur und Spiritualität der Region. Seit über 450 Jahren trotzen diese schlichten, mit Naturfarben geschaffenen Kunstwerke dem Lauf der Zeit und bewahren ihren zeitlosen Wert. Jedes Bild verkörpert nicht nur ästhetischen Reiz, sondern auch den tiefen Glauben und die Seele der ehemaligen Kaiserstadt. Wenn Sie nach Hue reisen, sollten Sie das Dorf Sinh besuchen – einen Ort, an dem jeder Pinselstrich und jede Farbnuance die feinsinnige Schönheit und die Beständigkeit der vietnamesischen Volkskunst offenbaren.

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